Kapitel: Mentaltraining beim Segeln

Macht Mentaltraining uns leichtsinnig?

Nein. Angstfrei, nicht respektlos. Angst ist ein schlechter Ratgeber, Vorsicht ist ein guter. Wir nehmen dir die Lähmung, nicht das Urteilsvermögen.

Ich habe Angst vor dem Ablegen. Bin ich damit allein?

Ganz und gar nicht. Leinenlos ist die höchste psychische Hürde im ganzen Sport. Manche hängen wochenlang in Marinas und erfinden dabei unbewusst immer neue Werkstattprojekte, nur um nicht ablegen zu müssen. Kein Boot wurde je fertig. Das Ablegen beginnt im Kopf.

Warum ausgerechnet Segeln?

Segeln ist der vielleicht mentalste Sport überhaupt, nur merkt es kaum jemand, weil man das Ringen im Kopf von außen nicht sieht. Kein anderer Sport verlangt gleichzeitig Ausdauer, Risikobewertung, Geduld und Entscheidung unter echter Gefahr. Deshalb ist der Kopf hier nicht eine Stellschraube unter vielen, sondern die entscheidende.

Was macht Segeln mental so anspruchsvoll?

Sechs Dinge kommen zusammen: Dauer und Einsamkeit. Eine Wettfahrt oder ein Törn dauert Stunden bis Tage. Du bist mit deinem Kopf allein, ohne Auszeit, ohne Wechsel. Kein Abpfiff. Einen Fehler kannst du nicht abbrechen und neu starten. Du segelst mit ihm weiter. Echtes Risiko. Wind, Welle, Dunkelheit. Wer Angst nicht steuern kann, entscheidet schlecht, genau […]

Warum fällt das kaum jemandem auf?

Weil man es nicht sieht. Ein Läufer, der einbricht, bricht sichtbar ein. Ein Segler, der innerlich aussteigt, sitzt weiter am Ruder und sieht aus wie vorher. Die halbe Wettfahrt ist längst verloren, bevor irgendetwas nach Niederlage aussieht.

Ist das nicht doch nur etwas für Regattasegler?

Wir arbeiten immer am selben Ort, im Kopf, nur das Ziel ändert sich. Regattasegler werden im Kopf schneller, Fahrtensegler im Kopf sicherer, und wer den Genuss sucht, wird im Kopf freier.

Warum Segler und nicht irgendein Mentalcoach?

Weil du keinen Übersetzer brauchst. Wir müssen uns nicht erklären lassen, was ein verpatzter Start kostet, wie sich die dritte Nacht anfühlt oder was passiert, wenn die Familie an Bord zusieht, während das Anlegen misslingt. Die Nautik lehrt dich jede Schule. Die Gelassenheit lehrt dich keine.

Was heißt „Mental Seamanship“?

Seemannschaft ist die praktische Könnerschaft an Bord. Mental Seamanship ist dieselbe Könnerschaft, nach innen gewendet: Ruhe, Fokus und Entscheidungsfähigkeit als etwas, das man lernt und übt wie Knoten und Manöver.